Olaf Gulbransson im Simplicissimus

Olaf Gulbransson und der Simplicissimus

 

Eines Tages im Jahr 1902 stand ein sehr muskulöser, junger Mann mit derber, ländlicher Kleidung in den Redaktionsräumen des Simplicissimus und wollte sich dem Chefredakteur vorstellen. Der rein äußerlich so gar nicht dem damaligen Klischée eines schöngeistigen Künstlers entsprechende Gulbransson setzte nicht nur die Mitarbeiter der Satirezeitschrift in Erstaunen, sondern bald auch Spaziergänger im morgendlichen München. Denn der „Naturbursche“ ließ es sich nicht nehmen, den Tag mit einem Nacktbad im Schwabinger Bach zu beginnen. Der grob wirkende Gulbransson verstand es jedoch, den Zeichenstift fein und scharf zu führen und wurde rasch einer der wichtigsten Karikaturisten des Simplicissimus, für den er zahlreiche Titelblätter und Porträtzeichnungen gestaltete.

 

Die Themen, die Gulbransson zeichnerisch bewältigen sollte, wurden ihm von seinem Schriftsteller-Kollegen, vor allem von Ludwig Thoma, vorgeschlagen und vergleichsweise genau beschrieben. Doch seine schöpferische Kraft hat immer wieder Neues gestaltet und damit alle Erwartungen übertroffen. Er selbst sagte: "Ich bin eigentlich kein politischer Zeichner. Ich zeichne das Motiv, das ich zwischen die Finger bekomme." Gulbransson lieferte regulär nur die Zeichnungen, entschied mit seinen Redaktionskollegen über die Farbgebung; die Redaktion hat dann später auch die Texte dazugefügt. 

 

Gulbransson hatte die Simplicissimus-Redaktion mit Vorliebe die gewagtesten Aufgaben zugeschoben. Dabei traute man ihm offensichtlich kein politische Urteilsvermögen zu. So konnte es nicht ausbleiben, dass auch er ins Kreuzfeuer öffentlicher Kritik geriet. 1913 hatten seine Zeichnungen gegen eine patriotische Feier in der Befreiungshalle in Kelheim heftigen Zorn mancher Zeitungen wie angeblich sogar der oberbayerischen Bevölkerung erregt. Schließlich wurde 1914 gegen ihn ein Prozess wegen Majestätsbeleidigung in Gang gebracht. Olaf hatte jene Karikatur gezeichnet, auf der König Ludwig I. davor warnt, aus seinen "Kunsttempeln Milchdepots für Leutstetten" zu machen. Sie richtete sich gegen König Ludwig III., der als Agronom bekannt war, auf seinem Landsitz Leutstetten, nördlich von Starnberg, ein Mustergut eingerichtet hatte und von der Bevölkerung liebevoll-ironisch "Millibauer" genannte wurde. Der Prozess wurde schließlich wegen Verjährung niedergeschlagen.