Biographie Daumier

Honoré Daumier (1808 - 1879)

 

"Honoré Daumier ist am 26. Februar 1808 [nach anderen Angaben im Jahr 1810] in Marseille zur Welt gekommen. Sein Vater Jean Baptiste Daumier war arm. Er arbeitete als Glaser, doch seine Lieblingsbeschäftigung war die Poesie. Da er vom Wert seines dichterischen Talents überzeugt war, beschloss er, mit seiner Familie nach Paris zu ziehen, wo er nur noch literarisch tätig sein wollte. Trotz aller Bemühungen, trotz einiger untertänigst an Herrscher wie König Ludwig XVIII. und Zar Alexander I. gerichteten Oden gelang es dem entwurzelten Handwerker nicht, irgendwelche Erfolge zu erringen. Ganz im Gegensatz zum ruhmlos gebliebenen Vater sollte der Sohn bald bekannt werden, und zwar keineswegs durch Loblieder auf regierende Herrscher, sondern durch deren Verspottung in zahlreichen Karikaturen.

 

Honoré Daumier. Karikatur von Étienne Carjat (1828-1906)

 

Die Knabenjahre verbrachte Honoré Daumier damit, in Paris als Laufbursche seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Als junger Mann war er dann Verkäufer in einer Buchhandlung. Endlich fand er seinen eigentlichen Weg. Mit den letzten Ersparnissen des Vaters nahm er Zeichenstunden. Viel Zeit verbrachte er auch im Louvre-Museum, wo er sich in der Abbildung antiker Skulpturen übte. Mit zwanzig begann er seine Versuche auf dem Gebiet der Lithographie. Seine unmittelbaren Vorbilder waren die sehr populären satirischen Zeichnungen, durch die der junge J. J. Grandville sich um 1830 einen Namen gemacht hatte. Nach der Veröffentlichung der Serie >Masken< [Zerrbilder regimetreuer Politiker], die in dem von Charles Philipon Ende 1830 gegründeten Pariser satirischen Wochenblatt >La Caricature< erschien, wurde Daumier noch im selben Jahr schlagartig stadtberühmt.

 

Im Dezember 1831 veröffentlichte >La Caricature< dann jenes aufsehenerregende Blatt >Gargantua<, betitelt nach dem gleichnamigen deftigen gesellschaftskritischen Renaissance-Roman von Francois Rabelais [1534]. Das Bild zeigt König Louis Philippe als den gefräßigen Riesen Gargantua, der die reichhaltigen Staatsbudgets nacheinander verschlingt und sich dazu noch mit Kronschenkungen vollstopft, die als Pasteten aufgetragen werden. Dabei lässt er sich von zwerghaften Gestalten bedienen, in denen man die Königlichen Minister erkennt. Die Folgen dieser tollkühnen Veröffentlichung ließen nicht lange auf sich warten: Daumier wurde wegen Majestätsbeleidigung angeklagt. Am 30. August 1832 erschien in >La Caricature< folgende Nachricht: »Während wir diese Zeilen schrieben, wurde, vor den Augen seiner Eltern, deren einzige Stütze er ist, Herr Daumier wegen der Gargantua-Karikatur zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt.« Von September 1832 bis März 1833 hat Daumier diese Strafe in Sainte-Pélagie absitzen müssen. Er hat diese Monate der Haft nicht vergessen. Seine am 14. März 1834 im >Charivari< erschienene Zeichnung >Erinnerung an Sainte-Pélagie< bezeugt dies, ebenso wie seine Verhöhnung des Gerichtswesens in der umfangreichen Bildfolge >Die Leute von der Justiz< [1845 bis 1848].

 

Nach seiner Freilassung begannen für ihn drei Jahre angespannter künstlerischer Tätigkeit. Inzwischen hatte Philipon am 1. Dezember 1832 sein zweites satirisches Blatt gegründet: die Tageszeitung >Le Charivari< Hier und in >La Caricature< erschienen Daumiers Lithographien, auf denen Louis Philippe bald als merkwürdiger Heiliger, bald als Pfefferkuchengestalt, bald als Birne, bald als Papagei dargestellt wird. Nicht allein der dicke König, auch die ihn umgebende fette Bourgeoisie wurden von Daumier karikiert. Meist Minister, Staatsanwälte, Parlamentarier, oft auch Geschäftsleute, die mit vollgefressenen Bäuchen vorgeführt werden, denn hierdurch unterschieden sich die Würdenträger und Nutznießer der Juli-Monarchie von den jugendlichen Spöttern der satirischen Presse. Daumiers bis dahin populärste Lithographie stammt aus dieser Zeit. Es ist die als Einzelblatt in Philipons >Monatsverein< erschienene dramatische Darstellung der von Soldaten eines Linienregiments niedergemetzelten Männer, Frauen und Kinder eines Pariser Arbeiterviertels. Die >Rue Transnonain< nimmt in der europäischen Kunstgeschichte denselben Rang ein wie gewisse Szenen aus Jaques Callots >Elend des Krieges< [1633] und aus Francisco de Goyas »Unglück des Krieges« [1810 bis 1813]. Der Vergleich zwischen Daumier und Goya drängt sich geradezu auf, denn von beiden Künstlern geht politische Leidenschaft aus, beide besaßen die Gabe der graphischen Improvisation.

 

Nach der grandiosen Lithographie >Rue Transnonain< ist in Daumiers Schaffen ein Einschnitt zu verzeichnen. Das Attentat Fieschis auf den König [28. Juli 1835] hatte die berüchtigten Septembergesetze zur Folge, wodurch die Pressefreiheit bis zum Sturz der Juli-Monarchie aufgehoben wurde. An die Stelle der politischen trat nun die sozialkritische Karikatur. Es war die Zeit, in der Daumier die umfangreiche Serie >Robert Macaire< entwarf, in der die Bourgeoisie jener Zeit mindestens so scharf dargestellt wird wie in seinen Politiker-Porträts. Durch die >Robert-Macaire<-Serie hat er jene zweifelhafte und für die Epoche des beginnenden Hochkapitalismus charakteristische Gestalt des Betrügers im Kollektivbewusstsein verankert.

 

Erst die Revolution von 1848 gestattete es Daumier, wieder als Karikaturist des politischen Lebens aufzutreten. Doch er hatte andere Pläne. Den Auftrag zu einer Serie von Spottbildern über den geflohenen Louis Philippe lehnte er ab. Er wollte dem gestürzten König keinen Eselstritt versetzen. Er dachte jetzt daran, auf die Kunst der Lithographie zu verzichten und statt dessen Maler zu werden. Aber sehr bald erschienen im >Charivari< wieder seine Karikaturen. Die Opfer seines Spotts waren nun — serienweise — die emanzipierten Frauen, die Wortführer des utopischen Sozialismus und die jetzt endlich durch das allgemeine Wahlrecht bestimmten Parlamentarier, die allerdings ebenso komisch wirken wie ihre Vorgänger aus der Zeit des Honoratioren-Parlaments der Juli-Monarchie. Als Höhepunkt von Daumiers Schaffen unter der Zweiten Republik [1848 bis 1851] ist die historisch gewordene Gestalt des »Ratapoil< anzusehen, die er als Statuette [im Louvre] und auch mehrmals als Lithographie dargestellt hat. Es ist der hagere, mit Schlagstock versehene, unermüdliche, bald sich einschmeichelnde, bald aggressive Propagandist des kommenden Mannes: Louis Napoleon Bonaparte. Dieser sollte sich bald durch diktatorische Methoden vom Präsidentenstuhl auf den Kaiserthron bringen.

 

Nach der Errichtung des Zweiten Kaiserreichs lieferte Daumier dem >Charivari< mit einer dreijährigen Unterbrechung — von 1860 bis 1863 war sein Vertrag nicht erneuert worden — zahlreiche Zeichnungen zur Illustration von Napoleons III. Kriegszügen. Mit dem Krieg von 1864 rückte der Preußentyp immer mehr in den Mittelpunkt der französischen Karikatur. Daumier stellte ihn als prahlerischen, machtbewussten und blutdürstigen Militaristen mit Pickelhaube dar. Mit dem Deutsch-Französischen Krieg änderte sich das Bild. Zunächst konnte Daumier es sich noch erlauben, den geschlagenen und abgesetzten Napoleon III. zu verspotten.

 

Doch die schwerwiegenden Ereignisse des Jahres 1870 brachten Tod und Zerstörung über Frankreich. Thematik und Stil wandelten sich. Witzeleien waren nicht mehr zeitgemäß. Tiefer Schmerz über das Unglück der Nation zeigt sich in den Lithographien des Winters 1870/71, die durch ihre Linienführung und die schwarze Flächenwirkung den Beschauer zutiefst ergreifen. Nach dem Friedensschluss setzte Daumier seine zeitgeschichtlichen Serien im >Charivari< fort. Der Kampf um die noch längst nicht gefestigte Republik und die Verhöhnung des siegestrunkenen Feindes waren die beiden Leitmotive seiner Spätkunst.

 

Sein letzter Beitrag erschien am 18. Dezember 1875. Eine Augenkrankheit nahm Daumier den größten Teil seiner Sehkraft. Doch hatte er noch die Freude, im Jahr 1878 eine Ausstellung seiner Werke in Paris zu erleben, die zwar kein finanzieller, aber ein großer künstlerischer Erfolg wurde. Bald darauf, am 10. Februar 1879, starb er in Valmondois bei Paris. Daumiers Weltruhm wurde erst im zwanzigsten Jahrhundert begründet, besonders durch eine Ausstellung seines Gesamtwerks [Paris 190]]. Unter den zahlreichen hochbegabten französischen Graphikern seiner Zeit war er das überragende Genie."

 

[Quelle: Le Charivari : die Geschichte einer Pariser Tageszeitung im Kampf um die Republik (1832 - 1882) ; ein Dokument zum deutsch-französischen Verhältnis / von Ursula E. Koch ; Pierre-Paul Sagave. Mit e. Geleitw. d. Chefred. von "Le Monde" André Fontaine. -- Köln : Leske, 1984. - 426 S. : Ill. -- ("iLv leske republik". Satire und Macht) . -- ISBN 3-921490-29-4. -- S. 391 -394]