Sonderausstellung
 

Horst Janssen

"Ich will Norweger werden"

Horst Janssens Reise nach Skandinavien mit Gesche Tietjens

Vom 19. Juni bis 11. September 2016

 

In der Sendung "Bayern 2 Kulturleben" vom 14.7.2016 war auch ein Beitrag zur aktuellen Sonderausstellung zu hören. Den Sendebeitrag können Sie hier abrufen.

 

 

Das Werk des in Oldenburg aufgewachsenen hochbegabten Zeichners und als Egomane verschrienen Horst Janssen weist zahlreiche Parallelen zu dem des norwegischen „Titans der Zeichenkunst“ Olaf Gulbransson auf. Als kongeniale Illustratoren von Büchern, begnadete Schreiber von hinreißend gezeichneten Briefen und Freunde von gewichtigen politischen Meinungsbildnern ihrer Zeit erscheinen sie im Rückblick als Seelenverwandte.

 

 

 

 

 

1971 reiste Horst Janssen durch Norwegen – Olaf Gulbranssons Heimat -  Finnland und Schweden. Die Anregung zu der Reise kam von Gesche Tietjens, seiner damaligen Lebensgefährtin. Was Janssen sah, zeichnete er und schrieb Briefe an Joachim Fest, Hitler-Biograf und ehemaliger FAZ-Herausgeber. Fest war mit Janssen von 1970 bis zu seinem Tod 1995 befreundet und Autor der ersten biografischen Annäherung an diesen.

Janssens zartfarbige Landschaftsskizzen, seine sprechenden Tagebuchaufzeichnungen und sprachgewaltigen Briefe an Fest sowie Tietjens Fotos dokumentieren Janssens Reise. In seinem Tagebuch notierte er am 16. September 1971 zu Fauske, der für ihr Marmorvorkommen bekannten Stadt in der Provinz Nordland: „6 Uhr aufgewacht und Ausblick gezeichnet. Dann ein Spaziergang durch die menschenleere Hauptstraße die zugleich Fauske ist. Leiser Goldgräberstadt-Touch. Man ahnt das Trostlose dieser Coca-Cola-Abende. Aber zu dieser frühen Stunde… mein Gott, Norge ist schön. Und farbig. Jedes dritte Geschäft ist eine Farbenhandlung: Die Holzhäuser müssen öfter gestrichen werden, und der Norweger streicht sein Haus gern ein bißchen anders an als sein Nachbar. Nur wenn außerhalb der Stadt der Abstand zwischen zwei Häusern 100 Kilometer beträgt, kann’s vorkommen, daß beide ins gleiche Rot gekleidet sind. Und was das Rot betrifft: nie Berliner Rot, eher Englischrot, häufig Ochsenblutrot – immer angenehmes Rot.“

 

 

Horst Janssen war bis dahin kein Reisender gewesen, aber mit Gesche Tietjens wagte er sich mit dem zärtlich „Volvi“ titulierten Volvo bis nach Skandinavien. Ihre von 1968 bis 1972 dauernde Beziehung, die Gesche Tietjens im Rückblick wie vierzig Jahre erschienen, wird dokumentiert in zahlreichen Briefen von Janssen an sie. 2004 erstmals unter dem Titel „Ach Liebste, flieg mir nicht weg“ publiziert, spiegeln sie die suggestive Kraft der Verführung des manischen Zeichners und Schreibers und faszinieren durch den Janssen eigenen Stil der gezeichneten Briefe. In diesen „ähnelt“ er Gulbranssons gezeichneten Briefen  sehr: Janssen wie Gulbransson entwickelten einen speziellen Schreibstil der durch Wortakrobatik, Bildhaftigkeit und Lautmalerei gekennzeichnet ist. Sie verknüpften Zeichnung und Text zu einer Einheit und überzeigen noch heute in der in der kongenialen Verwendung beider Gattungen. Jannsen nannte seine Geliebte meist Panne und er selbst unterzeichnete mit Pat. Die vierjährige Beziehung war stets bewegt und nicht selten versuchte sich Gesche Tietjens seinem Einfluss zu entziehen. Am 17. Mai 1972 schrieb er sichtlich unglücklich an sie:

 

 

„Liebste Panne

Alles Käse ohne Dich

Ohne Metrotonin wäre mir ganz elend

Eben war der Schack da um 4 Platten abzuholen

Ich hatte ihm 7 Spargel geschält

Jetzt werde ich das Wenige abwaschen

Ich habe keine Sehnsucht nach einem Füllsel

Ich habe Sehnsucht nach Dir.

Was sind wir für Menschen, dass wir so genau über uns Bescheid wissen?

Ich bitte Dich mir zu verzeihen

Wie soll ich das anders ausdrücken – ich weiss es nicht.

BITTE wende Dich nicht + entscheide Dich nicht gegen mich.

Bitte

Pat“

 

 

Gesche Tietjens war für Janssen der erste Mensch „der sozusagen immer einen winzigen Schritt zu dem Motiv vorausging“, zu dem er „eigentlich“ wollte. Die Grafikerin Gesche Tietjens trennte sich von Janssen als sie mit dem gemeinsamen Sohn schwanger war, blieb Janssen aber zeitlebens verbunden. Über seine Briefe sagte sie 2004: „Natürlich sind es Sirenenbriefe. Aber Liebesbriefe? Im Grunde ging es immer nur um ihn. Um seine Befindlichkeit, sein seelisches Gleichgewicht, sein Arbeitenkönnen. Unter Liebe verstehe ich auch noch etwas mehr Bilaterales.“

 

 

 

Janssen war schon zu Lebzeiten eine Legende, nicht zuletzt, weil er die bürgerliche Vorstellung vom Künstler als Bohemien perfekt verkörperte - als Egomane und Provokateur, als Lebemann, Trinker und Exzentriker, der Sätze sagte wie: "Meine Hölle bin ich selber" oder "Ich bin die Gnade Gottes". Der mehrfach ausgezeichnete Film „Janssen: Ego“ aus dem Jahr 1989 wird in der Ausstellung gezeigt und stellt den Künstler und Menschen vor.

 

 

 

 

Wir danken der Claus Hüppe-Stiftung und dem Horst-Janssen-Museum in Oldenburg für die Leihgabe der gezeichneten Briefe, Gesche Tietjens für die Fotografien und einem Ungenannten für die Skandinavien Zeichnungen.

 

 

Der Ausstellungsflyer kann hier heruntergeladen werden.
 
 

VHS-Führung

Die Heimatführerin Barbara Filipp führt am Mittwoch, 3. August 2016 um 15.00 Uhr durch die aktuelle Sonderausstellung mit dem Thema "Horst Janssen: Ich will Norweger werden. Horst Janssens Reise mit Gesche Tietjens durch Skandinavien". Treffpunkt im Olaf Gulbransson Museum. Eintritt: € 11.- Dauer: ca. 1 Stunde. Anmeldung bitte bis zum Vortag telefonisch  über die VHS Gmund unter Tel 08022 - 72 54. Durchführung ab 5 Personen.